Oswald von Nell-Breuning, Grundzüge der Börsenmoral (1928)

Nell-Breuning, Börsenmoral, Cover„Spekulation“ ist ein Begriff, der von jeher zu vielschichtigen Betrachtungen anregt. Vermengt sich hier doch menschliche Gier mit wichtigen wirtschaftlichen Anliegen – ohne Börsen kommt keine moderne Gesellschaft aus – und erleiden Einzelpersonen wie ganze Volkswirtschaften teils dramatische Schicksale. Und so fragen wir uns, was für Spekulation wünschenswert, notgedrungen hinzunehmen oder aber zu bekämpfen sei. Dabei sind brauchbare Arbeiten dünn gesät und fällt es nicht nur Ökonomen schwer, sich zu klaren Aussagen durchzuringen. Manche Risiken und Risikoverträge müssen wohl sein – aber welche?

Fast schon beschämend ist es, wenn die wichtigste Arbeit hierzu nicht nur bereits über 80 Jahre alt ist, sondern dann gar noch von einem Theologen stammt – allerdings mit beeindruckend breiter Bildung, darunter fundierten philosophischen und ökonomischen Kenntnissen. Breiteren Kreisen ist Nell-Breuning als Vertreter der katholischen Soziallehre – darunter etwa des Subsidiaritätsprinzips – bekannt. Im Buch geht es ihm um eine moraltheologische Prinzipienlehre der Börse auf der Grundlage der Preisgerechtigkeit. Doch betreibt er dies bemerkenswert nüchtern, ja sehr viel unideologischer als so manche moderne sozialwissenschaftliche Abhandlung. Für ihn ist die Börse schlichtweg ein mit besonders vollkommener Technik ausgebildeter Markt innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, den er nicht etwa verteufelt, sondern als wichtig ansieht.

Dabei muss er das Rad nicht neu erfinden, sondern kann auf die kenntnisreichen Betrachtungen vor allem der (Spät-) Scholastik zurückgreifen. Bereits diese beschäftigte sich intensiv mit der Frage des gerechten Preises unter dynamischen Marktverhältnissen und arbeitete hierzu grundlegende Einsichten heraus. So rätselte man schon früh darüber, wie es denn sein könne, dass das gleiche Produkt zu unterschiedlichen Zeiten oder an unterschiedlichen Orten unterschiedlich viel koste und schlussfolgerte frühzeitig, allzu statisch-objektive Wertlehren ablehnen zu müssen. Man trennte zwischen Sache und Wert, umschiffte die Problematik kardinaler Wertzumessungen und entwickelte erste Ansätze einer Grenznutzentheorie. Preisschwankungen und Händlergewinne wurden nicht von vornherein verdammt, ohne umgekehrt den jeweiligen Marktpreis vorschnell zu überhöhen.

In dem – für jede Regulierung des Börsenhandels und weit darüber hinaus – unabdingbaren Bemühen, unerwünschte Risikogeschäfte von solchen Verträgen auszusondern, bei denen es ein Akteur sehr wohl verdient, von Preisunterschieden zu profitieren, entscheidet sich Nell-Breuning für ein gleichermaßen traditionsreiches wie zumindest in seinem Kern überzeugendes Kriterium: das Leistungsprinzip: „Ein Erwerbsstreben, das über die Grenzen des Wertes der eigenen persönlichen und sachlichen Leistung hinaus Mehrwert sucht auf Kosten fremder Arbeit, fremden Eigentums und fremder Wohlfahrt zum Schaden der Gesamtheit, ist unsittlich und zu verwerfen.“ Tatsächlich widerspricht es sowohl gängigen kollektivistischen als auch individualistischen Ethiken, anderen einfach wegzunehmen, etwa wenn Spekulanten ihren Vorteil nur daraus ziehen können und wollen, dass sie ihrem Vertragspartner Nachteile zufügen. „Arbeitsscheue und hochstaplerische Elemente … dergestalt, dass sie weder die räumliche noch die zeitliche Güterverteilung noch die Weiterverarbeitung der Ware bewirken …“, missbilligen wir schon lange. Der zu Recht bekämpfte Insiderhandel bildet hier nur ein Beispiel. Wohl aber kann es für beide Vertragspartner und damit auch volkswirtschaftlich wertschöpfend sein, wenn sich etwa ein Unternehmer gegen steigende und ein Ölproduzent gegen sinkende Ölpreise absichern wollen, so dass beide glücklich zueinander finden. Allerdings verdeutlicht dieses Beispiel, dass beiderseits nützliche Wertschöpfung selbst ohne Anstrengung gelingen kann, etwa wenn unsere Akteure rein zufällig aufeinandertreffen. Insofern geht also die Skepsis gegenüber arbeitslos generierten Einkommen etwas zu weit, honorieren wir nämlich auch zufällige Gelegenheiten. Über diesen Grundeinsichten ist man bis heute nicht nennenswert hinausgekommen. Dabei ist es auch der Arbeit Nell-Breunings zu verdanken, dass wenigstens dieses Wissen (hoffentlich) nicht in all dem Rauschen untergeht, das sich zu diesem Thema – gerade in jüngerer Zeit – weithin findet.

Dabei lässt sich für ganz unterschiedliche Vertragstypen, Personengruppen und Beeinträchtigungen fragen, wo sich dann das produktiv-wertschöpfende Element findet, das beide Seiten profitieren lässt und damit einen Risikovertrag rechtfertigt – sei es, dass nach dem Gesetz der großen Zahl diversifiziert wird oder es sogar wie im Beispiel unseres Öl-Terminkaufs dazu kommt, entgegengesetzte Bedürfnisse konstruktiv zu verknüpfen. Oft verhält es sich leider anders, ist es schlicht irrationale Gier oder die Jagd nach Provisionen selbst dort, wo das Produkt, für das man diese Provision kassiert, keinerlei Wertschöpfung verspricht – und schon gar keine, welche diese Provision überstiege. Die Publikumsspekulation als ein (anders als oft die langfristige Wertpapieranlage) weithin sinnloses, von Gier, Spielsucht und Unkenntnis getragenes und von interessierten Kreisen befeuertes Spektakel, das zu fördern nicht unbedingt die vordringlichste gesellschaftliche Aufgabe bildet, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

 
 

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